Aufregung im Ötztal - Schweine sterben für Lawinenexperiment

2010-01-15

14 Tage lang sollen pro Tag an die drei Schweine im Skigebiet sterben, um Aufschlüsse über Todesumstände Verschütteter zu liefern


Innsbruck/Bozen - Ein von der Tierethikkommission genehmigtes Lawinen-Simulations -Experiment mit lebenden Tieren sorgt im Ötztal für Aufregung. 29 Schweine sollen lebendig im Schnee begraben sterben. Die Wissenschaftler erwarten sich dabei Aufschlüsse über Todesumstände eines Verschütteten in einer Lawine. Politiker und Tierschutzorganisat ionen sprechen von "Barbarei"und fordern einen sofortigen Abbruch.

Laut dem Projektleiter, dem Zentrum für Notfallmedizin Bozen sowie der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin in Innsbruck wird das Experiment indessen fortgesetzt. "Aus tierethischer Sicht wäre es unsinnig, den Versuch abzubrechen" , sagte Hermann Brugger vom Projektteam. Weil ansonst die Tiere umsonst gestorben wären, rechtfertigte er am Donnerstag. Die Tests seien vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung genehmigt worden.

"Einziger, einmaliger Tierversuch"


Ziel sei es, die medizinische Versorgung von Lawinenverschü tteten zu verbessern und adäquate Sicherheitsausrüstungen zu entwickeln, um die Überlebenschancen der Opfer zu erhöhen. Über den "einzigen, einmaligen Tierversuch" komme man nicht hinweg, weil man aus den Ergebnissen Schlüsse zum Retten von Menschenleben ziehen könne. Mehr Personen würden überleben, versicherte Brugger von der Medizinischen Universität Innsbruck.

"20 Prozent der Lawinenopfer haben eine Atemhöhle", teilte der Experte mit. Bei den Versuchen solle erforscht werden, wie diese Bedingung sich auf die Überlebenschance von Menschen auswirke. Bei den sich aus der Mindestfallzahl resultierenden 29 Tests mit lebenden Schweinen werden diese unter einer Schneedecke eingegraben. "Die Tiere werden im Stall sediert, schlafen während des Transportes, werden in Narkose versetzt und mit Schnee bedeckt", erklärte Brugger, mitunter auch Leiter des Zentrum für Notfallmedizin Bozen. Ein Teil der Schweine würde ins Freie atmen, die anderen in Atemhöhlen mit zwei unterschiedlicher Volumina. Die Tiere würden nicht mehr aufwachen, die Tierethikkommission habe das Forschungsprojekt genehmigt.

Diese Tests bildeten das Ende einer seit 20 Jahren andauernden Forschungslinie. "Wir haben Jahre versucht, ohne Tierversuch zu den Forschungsergebniss en zu kommen", so Brugger. Bereits vor acht Jahren habe man einen Humanversuch mit einer Atemhöhle durchgeführt. Um realistische Bedingungen in der Natur vorzufinden, sei man auch jetzt ins Lawinenfeld gegangen.

Tierschutzverein: "Unsinniger Versuch"


"Die Wissenschafter sollen sich selbst eingraben, ihre Kollegen dürfen dann die Ergebnisse auswerten", war der Vorschlag des Österreichischen Tierschutzvereins in einer Aussendung. Schweine in einer Lawine zu begraben, damit sie darin sterben würden, sei "einer der widerwärtigsten Tierversuche, der jemals in Österreich durchgeführt wurde." Die Tiere würden "nur ruhig gestellt werden und müssten das Grauen von Anfang bis zum Schluss miterleben". Dieser "unsinnige Versuch diene einzig und allein der Profilierung einiger Wissenschafter" , meinte der Verein.

Madeleine Petrovic: "Barbarei"


Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, sprach dabei von "Barbarei". Sie kritisierte das "mangelnde Gefühl mancher Wissenschafter, was ethisch vertretbar ist und was nicht". "Diese Versuche sind ein Schlag ins Gesicht für jeden seriösen Zugang zur Wissenschaft" , zeigte sich Petrovic in einer Aussendung bestürzt.

Einen "sofortigen Abbruch der Experimente" forderten die Grünen in ihrer Stellungnahme. Dass Schweine von einer simulierten Lawine verschüttet würden und die Tiere ums Leben kämen widerspreche allen ethischen Grundsätzen, die bei Tierversuchen einzuhalten seien, erklärte die Tierschutzsprecheri n Christiane Brunner. Für sie sei es unbegreiflich, dass diese Experimente von einer Ethikkommission genehmigt worden waren.

Tiroler Tierschutzreferen: "Moralisch äußerst bedenklich"


Als "moralisch äußerst bedenklich" bezeichnete der Tiroler Tierschutzreferent und LHStv. Anton Steixner das Begraben lebendiger Schweine unter den Schneemassen. Er sei über diese "sonderbare Methode der Universität Innsbruck" überrascht und stelle sich die Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnisse ein derartiges Vorgehen rechtfertigen. Steixner habe weder von den Tierversuchen im Ötztal, noch von den ethisch bedenklichen Methoden des Experiments gewusst. Er sei verärgert und distanziere sich von derartigen experimentellen Methoden.

Projekt soll noch bis 22. Jänner andauern


Brugger zeigte einerseits Verständnis für die Tierschutzorganisat ionen, unterstrich aber andererseits die wichtigen Forschungsergebniss e, die von internationaler Bedeutung sein werden. Überall dort, wo Lawinenunfälle stattfinden, würde man davon profitieren. Bereits seit vergangenen Montag befanden sich die Wissenschafter im Ötztal, noch bis 22. Jänner solle das Projekt andauern.

Sowohl die Medizinische Universität Innsbruck als auch das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF) stellten sich hinter das Experiment. "In Österreich sind Tierversuche nur unter sehr eingeschränkten Voraussetzungen und strengen Auflagen zulässig", hieß es in einer Aussendung aus Wien. Bei diesem Forschungsprojekt seien sowohl die formalen als auch die wissenschaftlichen Kriterien von mehreren Stellen eingehend geprüft und genehmigt worden. Kontrollorgane des BMWF sollen in den kommenden Tagen vor Ort sein. (APA/red)


Q: Der Standard, 14.01.10

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